Puls, Atmung, Erholung: Welche Körperzeichen beim Bergsport zählen

Puls, Atmung, Erholung: Welche Körperzeichen beim Bergsport zählen

Auf halbem Weg zur Hütte wird es in der Gruppe stiller. Einer bleibt öfter stehen, eine andere reibt sich die Schläfen und meint, das komme von der Sonne. Solche Momente kennen viele Tourengruppen. Gerade dann lohnt ein genauer Blick auf die Signale des eigenen Körpers und der Begleitpersonen.

Die Bergnotfallstatistik des Schweizer Alpen-Clubs SAC zeigt, wie häufig Touren an den Grenzen der eigenen Kräfte enden. 2025 mussten fast 4’000 Personen beim Bergsport in der Schweiz gerettet werden. Rund 1’500 von ihnen waren unverletzt, die meisten sassen fest, weil sie erschöpft waren, sich verirrt hatten oder weder vor noch zurück kamen. Allgemeine Orientierungspunkte ersetzen dabei keine ärztliche Abklärung, vor allem nicht bei Vorerkrankungen.

Zeichen und Symptome: zwei Blickwinkel

Die Medizin unterscheidet zwischen dem, was sich beobachten oder messen lässt, und dem, was eine Person selbst empfindet. Ein schneller Puls oder bläuliche Lippen sind Zeichen. Kopfweh, Übelkeit und Schwindel dagegen sind Symptome, die nur die betroffene Person spürt. Am Berg zählt beides. Begleitpersonen sehen manche Zeichen früher als die Betroffenen selbst, etwa einen unsicheren Tritt.

In einer Gruppe hilft deshalb eine klare Abmachung vor dem Start. Wer sich unwohl fühlt, sagt es früh, und alle achten aufeinander. Auffällige Blässe, ungewohnte Stille oder ein Zurückfallen am Ende der Kolonne sind Gründe nachzufragen, auch wenn die Antwort zunächst «geht schon» lautet.

Im Englischen heissen die beiden Gruppen signs und symptoms. Für die deutschen Fachbegriffe, also klinische Zeichen, Symptome und Vitalzeichen, lohnt ein Blick auf https://signs-ch.com/, wo die Unterschiede mit englischen Beispielsätzen erklärt sind. Für die Tour selbst genügt eine einfache Faustregel: Messbares ernst nehmen und Empfundenes nicht kleinreden.

Puls und Atmung als Tempomesser

Mit zunehmender Höhe sinkt der Luftdruck, pro Atemzug gelangt weniger Sauerstoff in die Lunge. Der Körper gleicht das zunächst aus, unter anderem mit schnellerer Atmung. Deshalb fühlt sich dasselbe Tempo auf 2’500 Metern anstrengender an als im Mittelland.


Alt: Zeichen und Symptome: zwei Blickwinkel

Eine einfache Orientierung bietet der Sprechtest. Solange sich in ganzen Sätzen reden lässt, passt das Tempo. Reicht die Luft nur noch für einzelne Wörter, ist es Zeit, langsamer zu gehen. Ebenso hilft ein ruhiger Start: Wer die ersten zwanzig Minuten einer Tour bewusst gemächlich geht, gibt Herz und Muskeln Zeit, sich auf die Belastung einzustellen.

Wer eine Pulsuhr trägt, vergleicht die Werte am besten mit eigenen früheren Touren statt mit allgemeinen Tabellen. Auch der Morgen danach sagt etwas aus. Liegt der Ruhepuls vor dem Aufstehen deutlich über dem gewohnten Wert, gilt das in Wanderratgebern als möglicher Hinweis auf eine unvollständige Erholung oder einen beginnenden Infekt. Ein ruhiger Tag ist dann die bessere Wahl. Wandern Kinder oder ältere Personen mit, rät die BFU ohnehin, einen zusätzlichen Zeitpuffer einzuplanen.

Erschöpfung, Konzentration und der Abstieg

Müdigkeit kommt am Berg selten als plötzlicher Einbruch. Oft kündigt sie sich mit kleinen Zeichen an: häufigeres Stolpern, übersehene Wegmarkierungen, gereizte Antworten. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU empfiehlt Pausen etwa alle ein bis anderthalb Stunden und immer dann, wenn die Konzentration nachlässt. Trinken gehört dazu, auch ohne Durstgefühl.

Besonders heikel ist der Abstieg. Eine Auswertung von Tamedia über 15 Jahre zählte beim Wandern 263 Todesfälle im Abstieg, doppelt so viele wie im Aufstieg. Laut einer SAC-Expertin ist der Weg nach unten koordinativ anspruchsvoller, und Müdigkeit wie nachlassende Konzentration wirken sich stärker aus. Die BFU rät bei langen, anstrengenden Abstiegen zu einer kurzen Pause alle 15 bis 20 Minuten.

Wandern ist dabei kein Randthema. Fast die Hälfte aller Bergnotfälle ereignete sich 2025 laut SAC beim Wandern oder Bergwandern. Tödlich verunfallten dabei 36 Menschen, deutlich weniger als im Zehnjahresmittel von 53. Gleichzeitig zeigen Befragungen der BFU, dass sich viele unterschätzen: 26 Prozent derjenigen, die auf einem Bergwanderweg unterwegs waren, bezeichneten sich als nur mässig oder gar nicht vorbereitet.

Wenn die Höhe mitredet

Ab etwa 2’500 Metern kann eine akute Bergkrankheit auftreten. Laut der Schweizer Travel Clinic betrifft sie auf dieser Höhe 15 bis 20 Prozent der Reisenden. Typisch sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, schlechter Schlaf und Schwindel, meist einige Stunden nach dem Aufstieg. Weil Bergbahnen Gäste in kurzer Zeit weit hinauf bringen, ist das kein reines Thema für Hochtouren.

Als Risikofaktoren nennt die Travel Clinic unter anderem einen schnellen Aufstieg von mehr als 800 bis 1’000 Höhenmetern pro Tag, grosse Anstrengung in der Höhe und frühere Erfahrungen mit Höhenkrankheit. Eine gute Kondition schützt dabei kaum. Vorbeugend wirken ein langsamer Aufstieg und genügend Zeit zur Gewöhnung.

Ernst wird es, wenn Atemnot schon in Ruhe auftritt, ein trockener Husten nicht aufhört oder Verwirrtheit und ein unsicherer Gang dazukommen. Das können Anzeichen eines Höhenlungen- oder Höhenhirnödems sein. Ein Höhenlungenödem beginnt laut Travel Clinic meist 24 bis 72 Stunden nach der Ankunft in grosser Höhe und betrifft schätzungsweise 1 bis 2 Prozent derjenigen, die über 3’600 Meter steigen. Das Universitätsspital Zürich nennt als wichtigste Massnahme bei ernsten Beschwerden den sofortigen Abstieg um mindestens 1’000 Meter. Über Medikamente entscheiden Ärztinnen und Ärzte.

Hitze und Herz: wann es ernst wird

Auch am Berg kann Hitze den Kreislauf belasten. Frühe Anzeichen einer Hitzeerschöpfung sind starkes Schwitzen, Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit. Schatten und Flüssigkeit helfen, das Bundesamt für Gesundheit nennt auch elektrolythaltige Getränke. Bessert sich der Zustand nicht rasch, braucht es ärztliche Hilfe. Bei einem Hitzschlag steigt die Körpertemperatur über 40 Grad, Betroffene können verwirrt wirken. Dann gilt laut Suva: sofort den Notruf 144 wählen.

An heissen Tagen hilft ein früher Start, den die BFU für längere und hoch gelegene Wanderungen ohnehin empfiehlt. Besonders empfindlich auf Hitze reagieren ältere Menschen, Kinder und Personen, die im Freien Sport treiben.

Einem Herzinfarkt gehen laut der Schweizerischen Herzstiftung oft schon Wochen oder Monate vorher Warnsignale voraus. Genannt werden eine beklemmende Enge in der Brust, besonders bei Anstrengung, ein Druckgefühl oder stechende Schmerzen. Diese können in den linken Arm, den Rücken, die Schulterblätter oder den Unterkiefer ausstrahlen. Treten solche Beschwerden erstmals auf, gehören sie ärztlich abgeklärt. Bei akuten Beschwerden ist sofort der Notruf 144 zu alarmieren. Bis Hilfe eintrifft, rät die Herzstiftung, die Person so zu lagern, wie sie sich wohlfühlt, und enge Kleidung zu öffnen.

Als Hauptrisikogruppe für den plötzlichen Herztod beim Bergsport nennt eine Fachpublikation Männer über 34 Jahre mit früherem Herzinfarkt oder bekannten Risikofaktoren. Für sie ist eine ärztliche Standortbestimmung vor anspruchsvollen Touren sinnvoll.

Alarmzeichen, bei denen die Tour endet

Bei diesen Zeichen hat der Zeitplan keine Bedeutung mehr:

  • Druck oder Enge in der Brust, vor allem mit Ausstrahlung in Arm, Rücken oder Kiefer, ist ein Fall für den Notruf 144.
  • Atemnot in Ruhe oder ein anhaltender trockener Husten in grosser Höhe sind Gründe, sofort abzusteigen und Hilfe zu holen.
  • Verwirrtheit oder ein unsicherer Gang verlangen sofortige Hilfe, ob in der Höhe oder bei grosser Hitze.
  • Kopfschmerzen, die in der Höhe stärker werden statt nachzulassen, sind ein Signal, nicht weiter aufzusteigen.
  • Eine Person, die nicht ansprechbar ist und nicht normal atmet, braucht sofort eine Herzdruckmassage, während jemand anderes den Notruf wählt.

In der Schweiz erreicht man den Rettungsdienst über 144. Für Notfälle am Berg empfiehlt die Rega, den Alarm wenn möglich über ihre Notfall-App oder die Nummer 1414 auszulösen. Klappt das nicht, hilft ein Standortwechsel oder ein Versuch über die europäische Notrufnummer 112.

Umkehren gehört zur Tourenplanung

Wer früh auf Puls, Atem und Konzentration achtet, kann rechtzeitig entscheiden. Die BFU empfiehlt, schon bei der Planung Ausweichrouten zu prüfen, um eine Tour bei Müdigkeit oder Wetterumschwung abzukürzen. Mit dem Alter lassen Kondition und Koordination nach, regelmässiges Kraft- und Gleichgewichtstraining wirkt dem entgegen. Wer die eigene Vorbereitung prüfen will, findet auf der Kampagnenseite der BFU einen Selbsttest zum Bergwandern. Bei unklaren oder wiederkehrenden Beschwerden führt der nächste Weg in die Hausarztpraxis, noch bevor die nächste Tour ansteht.

Von mdubach

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